11. Baja California 

Ensenada, 17.01.2019

 

Tecate ist unsere erste Stadt in Mexiko und wir fühlen uns sofort zurückversetzt in unsere Südamerikakreise vor 10 Jahren. Die Stadt könnte auch irgendwo auf dem Südamerikanischen Kontinent liegen. Es ist ein enormer Kontrast zu den USA.

Die Stadt ist laut, voller quirliger Menschen, bunt und farbenfroh, die Hupe wird wieder benutzt, es ist richtig was los, dabei ist es nur eine Kleinstadt. Mit dem Abfall und der Ordnung nimmt man es nicht so genau und die Abfallthematik ist auf Baja um viele Siedlungen herum gegenwärtig, wie wir später noch sehen werden.

 

Unser erstes Übernachtungsziel ist die Pferderanch La Bellota, 1h von Tecate entfernt. Der Besitzer Raul ist begeisteter Overlander (Engl. Fachbegriff für Weitgereiste mit kleinem Gepäck) und hat seine Ranch kostenlos für solche Gäste geöffnet. Wir hatten uns vorab per Mail angekündigt und so wurden wir von ihm direkt mit Handschlag und Namen begrüßt. Die Ranch umfasst 16.000 ha und liegt völlig abseits geschützt in einem Talkessel, nur über eine 4x4 Piste zu erreichen. Strom oder Internet sucht man hier vergebens, die Beleuchtung erfolgt abends ganz rustikal mit vielen Öllampen. Mobilfunkempfang gibt es nur auf dem nächsten Berg, von Raul auch officehill genannt.

 

Bis zu 16 Gäste kann die Ranch beherbergen und bietet neben der Einsamkeit auch geführte mehrtätige Reitertouren an. Alles ist bestens in Schuss, aufgeräumt, kein Krümel Abfall, alle Wege zu den Terrassen und Aussenanlagen sind geharkt, es ist eine kleine Oase, die wir per Zufall gefunden haben. Raul erweist sich als profunder Kenner der Baja California, mit seinem Toyota Hilux hat er alles bereist und im Schuppen zeigt er uns einen alten Käfer in Rennausführung, mit dem er mehrfach an der Baja 1000, einer legendären Rallye über die gesamte Halbinsel, teilgenommen hat. Heiligabend will er mit seiner Frau und Familie in Ensenada verbringen und so kommt es ihm gelegen, dass Sonny anbietet, die 25 Pferde sowie die Schafe und Ziegen zu füttern. Im Gegenzug können wir es uns im Haus am Kaminfeuer und mit Kerosinlampen gemütlich machen und so erleben wir Heiligabend mal ganz anders.

4 Nächte verbringen wir auf der Ranch und erfahren viel über Mexiko und erhalten eine Vielzahl von Reisetipps. Abends essen wir gemeinsam und ich führe ihn in das Thema Brotbacken auf Reisen ein. Leider klappt es nicht mit einem Ausritt, denn es regnet an dem geplanten Tag und es ist schlammig. Raul will zukünftig geführte 4x4 Touren auf Baja mit seinen Toyota´s anbieten und nachdem die Amerikaner nicht seine primäre Zielgruppe sind, will er sein Angebot auf dem deutschen Markt positionieren.

 

Am 26.12 fahren wir gemeinsam nach Ensenada, denn es liegt auf unserer weiteren Reiseroute gen Süden. In Ojai hatte ich einen Poller auf einem Parkplatz übersehen und dabei unsere Stossstange vorne massiv in der Mitte eingeknickt. Raul bringt uns zu Mexikaner seines Vertrauens; wir hätten hinter dem Tor nie eine Werkstatt vermutet. Aber nach 4 Stunden war alles erledigt, die frisch gespritzte Stossstange wieder montiert und die Mexikaner um 50€ reicher. In Europa hätte es wohl das 10-fache oder mehr gekostet. 

 

Ensenada ist eine größere Hafenstadt am Pazifik und wird regelmäßig von Kreuzfahrtschiffen besucht. Dementsprechend ist das touristische Angebot ausgerichtet. Wir übernachten am Hafen an einer ruhigen Stelle, die uns Raul empfohlen hatte, mit Blick auf die Kreuzfahrtschiffe. Später gesellt sich noch ein kleineres Wohnmobil zu uns; wir quatschen noch ein wenig mit den jungen Amerikanern. Sie stammen aus dem kalten Montana, arbeiten dort während der Sommermonate und sind ansonsten auf Achse. Aus Kostengründen leben aber beide das ganze Jahr in ihrem 6m langen Mobil. Nebenbei erfahren wir von ihnen das WLAN-Kennwort des nahegelegenen Hotels und können so den 10. Reisebericht vom Toyo aus verschicken. 

 

Die Halbinsel Baja California hat eine Nord-Südausdehnung von 1.200km und ist damit 400km länger als der ital. Stiefel von Genua bis Sizilien. Im Norden gibt es einen breiten besiedelten Streifen mit intensiver Landwirtschaft und Weinbau; ganz im Süden ist eine stark touristisch geprägte Zone mit weiten Sandstränden zu finden, in die viele Touristen einfliegen. Dazwischen erstrecken sich Wüsten, Kakteenwälder, nacktes Ödland und Berge bis 2600m Höhe. In den Buchten gibt es immer wieder sehr einfache Siedlungen, oft sind es Fischer in sehr ärmlichen Verhältnissen. Ein weiteres Erwerbsmodell scheint das Sammeln von hübschen Steinen am Strand zu sein, die dann später elegante Vorgärten in den USA schmücken. Wir fragen uns des öfteren, was in den Köpfen der Einheimischen vorgeht, wenn sie uns Reisende in unseren Fahrzeugen sehen. Insbesondere,wenn es hochbeinige 4x4 LKW´s mit einen Wert von mehreren 100T€ sind und die zugleich eine größtmögliche Distanz zur Bevölkerung ausstrahlen.

Die Siedlungen liegen zumeist fernab der Hauptstrasse und sind nur nach stundenlangem Gehoppel über Pisten zu erreichen. Die Häuser oder Hütten sind einfachst errichtet und würden einen Hurrikan wohl kaum überstehen. Wenn es dann noch regnet, steht man sofort knöcheltief in der Lehmpampe. Der Dreck und Matsch am Strassenrand sowie direkt vor der Haustüre ist einfach unbeschreiblich. Jeder kämpft sich dann durch den Lehm und hofft nicht steckenzubleiben. Beim leichtesten Gefälle kommt der Toyo schnell ins Schlittern trotz unserer grobstolligen Bereifung, auf Schnee fährt es sich angenehmer. Ben hat dann Ausgangssperre bis wir wieder eine geteerte Strasse erreichen. 

 

Oft sehen wir verfallene Touristenanlagen, nicht fertiggestellte Bauprojekte, aufgegebene Häuser, Geschäfte und Tankstellen. Der Tourismus aus USA war früher sicher eine gute Einnahmequelle, aber die Angst um die vermeintliche Kriminalität schreckt inzwischen viele ab. Raul gab uns zu diesem Thema noch eine etwas andere Sichtweise: In den USA sterben wohl mehr Menschen durch überall frei verfügbare Waffen als in Mexiko durch kriminelle Banden. In Mexiko muß jeder seine Befähigung zum Besitz einer Waffe nachweisen und der Besitz wird streng kontrolliert und reglementiert. Wir haben uns übrigens keinen Moment unsicher gefühlt, oft haben wir auch in der Nähe von Siedlungen, bei Hotels, Fischern oder kleinen Campgrounds übernachtet.

 

Die folgenden 4 Wochen reisen wir kreuz und quer über die Halbinsel. Erst 1970 wurde die MEX 1 fertiggestellt, die durchgehend den Norden mit der Südspitze verbindet, vorher gab es nur Pisten. Inzwischen führen noch einige geteerte Strassen an Küstenabschnitten entlang und verbinden einige Ortschaften mit der MEX 1. Viele schöne Buchten und das Landesinnere sind nur über Pisten erreichbar. Eine auf der Karte verzeichnete Strasse ist noch lange nicht eine Garantie für entspanntes Fahren. Die MEX 5 an der Ostküste z.B. wurde im Herbst 2018 massiv von einem Hurrikan beschädigt. Auf ca.100km ist die Strasse schwer in Mitleidenschaft gezogen, jede Brücke wurde unterspült und so findet dann die Fahrt in den sandigen Flussbetten statt. Jeglicher Verkehr quält sich so über steile Rampen und tiefe Schlaglöcher. Die südliche Anbindung durch die Berge ist über 50km noch völlig im Bau und nicht ausgeschilderte Pisten weisen nur ansatzweise den Weg. Für einen Geländewagen ist die Fahrt problemlos, doch wir wunderten uns über einen PKW, der uns beständig folgte, trotz der für einen PKW viel zu hohen Geschwindigkeit. Wir vermuteten risikofreudige Mexikaner am Steuer, die auf ihren PKW wenig Wert legten. Das Rätsels Lösung ergab ein Zwischenstopp, es waren 2 Amerikanerinnen, die längst die Orientierung verloren hatten und sich an unserem Fahrzeug orientieren wollten.

 

Wir fahren weiter gen Süden bis nach Guerrero Negro, mehr lässt die Reisezeit nicht zu. Der Ort hat seine Existenzberechtigung durch die Salzgewinnung in den flachen Lagunen und etwas Tourismus. Er liegt ungefähr auf der halben Strecke bis zur Südspitze der Halbinsel und ist einer der größeren Orte und doch ganz anders, als wir es bisher kennen. Eine breite 4-spurige Strasse führt durch den Ort, der schachbrettartig angelegt ist. Rechts und links gehen Strassen ab, die nicht geteert sind und an denen Häuser jeglicher Art und auch Trümmergrundstücke zu finden sind. Einfache improvisierte Häuser wechseln sich mit gepflegten Bauten ab, aber alles wirkt improvisiert und nicht auf Dauer angelegt. Wenn es dann noch regnet, verwandeln sich die Strassen in nasse Sandbahnen mit weiten Seenflächen, schöne pittoreske Orte darf man hier zwischen dem Nord- und Südende der Halbinsel nicht erwarten. Dafür gibt es am Strassenrand leckere Fischtaco´s, das Stück für 1€, einfach ein Genuss. Hier versucht auch ein örtlicher Polizist, sein Gehalt ein wenig aufzubessern. Sonny parkt auf einem breiten sandigen Streifen entlang der Hauptstrasse, fern jeglicher Halteverbotsschilder. Da hält unvermutet ein Streifenwagen mit all seinen Alarmlichtern blinkend hinter uns und fordert von Sonny den Führerschein. Er studiert den Kartenausweis sehr ausführlich, langanhaltend und spricht dann was von einer Strafe, wohl wegen falschem Parken. Wir verstehen nur das Wort Strafe, da ähneln sich wohl das Spanische und das Italienische. Nachdem Sonny ihn ohne jegliche Gemütsregung längere Zeit mustert, erkennt er die nicht so einfache Durchsetzung seines Vorhabens, gibt den Ausweis retour und lässt uns weiter fahren.

 

Südlich des Ortes an der Pazifikküste gibt es herrliche weitläufige Sandbuchten in einem kleinen Nationalpark, wo wir für 4€ Eintritt beliebig lange stehen bleiben dürfen. Im Frühjahr bringen hier die Grauwale, aus Alaska kommend, in den flachen und warmen Buchten ihre Jungen zur Welt (bis zu 1to Geburtsgewicht). Es ist leider noch zu früh und wir suchen vergebens die Oberfläche nach Anzeichen der Tiere ab. Wir bleiben einige Nächte, treffen Deutsche mit einen Bimobilausbau auf einem Allrad-Sprinter (gebaut in Oberpframmern), backen mal wieder Brot, sitzen abends in ihrer Kabine gemütlich beisammen und tauschen unsere Reiserfahrungen aus. Es sind traumhafte Plätze in dieser Bucht, allerdings sind die windstillen Momente eher selten und öfters bläst ein kräftiger Wind.

 

Mit unserem nächsten Ziel Bahia de los Angeles treten wir die Rückreise gen Norden an. Wir queren auf einsamen Pisten die Halbinsel und fahren über 70km durch unberührte Kakteenwälder. Die Größe und Vielfalt der Pflanzen ist faszinierend, schöner könnte eine Kakteenlandschaft nicht von Hand angelegt sein. Zwischen Wiesenflächen und massiven Steinquadern wachsen alle möglichen Kakteenarten, manche haben Stämme wie Bäume und sind über 15m hoch. Inmitten dieser Berglandschaft passieren wir eine alte spanische Mission aus dem 17.Jahrhundert und fragen uns einmal mehr, wie seinerzeit all das Baumaterial hierher in die Berge gelangt ist. 

Bahia de los Angeles ist eine Buchtenlandschaft, eingebettet in eine Felsenküste mit vorgelagerten Inseln. Einige Siedlungen säumen die Bucht, hier ist wenig los und wir teilen uns den Strand mit wenigen Campern. Rau ist die Natur hier und es könnte auch Island sein, wären da nicht die Pelikane, die anmutig auf Augenhöhe wenige Meter entfernt Jagd auf Fische machen. Elegant schweben sie haarscharf über dem Wasser, ohne einen Flügelschlag, getragen von einem Luftpolster, um dann aufzusteigen und pfeilschnell auf der Suche nach Beute in das Meer zu stürzen.

Stundenlang können wir diesem Treiben zuschauen, zur Abwechslung tauchen vereinzelte Seerobben prustend auf, um nach Luft zu schnappen. Hier in dieser Natur gäbe es fantastische Segelreviere für Jollen oder Surfer, viel Wind und wenige Wellen, geschützt vor der Dünung des Golfes von Kalifornien.

 

Viel zu früh am Nachmittag geht die Sonne hinter den Bergen unter und hinterlässt ein Feuerwerk in Rottönen. Kurz darauf ist es stockdunkel und die abendliche Tee- und Lesezeit beginnt im Toyo.

Fazit Baja California (ohne die Touristenenklave ganz im Süden)

 

Baja California fällt einem nicht in den Schoß. Man muß mit der Halbinsel erst einmal vertraut werden und sie erfordert einiges Durchhaltevermögen. Die Entfernungen sind groß, 400km ohne Tankstopp auf Landstrassen sollten einen Baja-Reisenden nicht erschrecken. An die einfache Lebensweise und Armut vieler Menschen muß man sich gewöhnen. Die MEX 1 kann auf den langen Etappen eintönig werden, aber der fehlende Seitenstreifen und die nahe Böschung halten die Aufmerksamkeit hoch. Kommt ein LKW entgegen, dann kann es schon mal sehr knapp werden. Die Versorgung sollte den langen Etappen und einsamen Stellplätzen am Meer angepasst sein. Standardwohnmobile haben es abseits der MEX 1 schwer oder sind zum Scheitern verurteilt. Die schönsten und fantastischsten Ziele liegen abseits des Geteerten und erfordern zumindest eine ordentliche Bodenfreiheit und stabile Reifen.

 

Naturliebhaber, die karge Landschaften mögen, die Pisten nicht scheuen, die Einsamkeit und Ruhe lieben, denen eine kräftige Brise nichts ausmacht, gewisse Sicherheitsregeln beachten, gerne Fisch essen und mit der lateinamerikanischen Lebensweise in Einklang sind, werden hier auf der Baja ein unverfälschtes Eldorado vorfinden.