12. Durch den Süden der USA

New Orleans, 07.02.2019

 

Die Einreise in die USA verlief völlig unspektakulär, Reisepässe zeigen, das war´s schon und wir sind wieder im gelobten Land.

Wie schon bei der Ausreise, auch die Rückkehr in die USA ist eine Reise zwischen Welten. Hier ist wieder alles wohlgeordnet, wir müssen nur lesen, was wir dürfen und was nicht. Schilder umhegen uns frei nach dem Motto „be prepared to stop, right lane has to turn right“ sowie viele Ermahnungen die für uns selbstverständlich sind. Braucht der Amerikaner das Gängelband der Obrigkeit?

 

Die Strassen sind jezt wieder breit und tadellos; die unendlich vielen Shopping-Möglichkeiten am Highway nehmen über Meilen kein Ende.

Auf der Strecke gen Osten ist die Grenze oft nicht weit, zum Teil nur 100m vom Highway entfernt und fest in den Händen der Border Patrol. Auf Pickups und Enduro´s wird überall patrouilliert und den Grenzzaun gibt es bereits. Regelmäßig passieren wir Strassenkontrollen und auch die Öffentlichkeit wird eingestimmt; zur Verdeutlichung der polarisierende Text eines Schildes auf einem Campingplatz, immerhin 40km von der Grenze entfernt:

 

Warning, you may be in a border crossing area. Please exercise extreme caution. If you encounter any suspicious activity please call Border Patrol at 1-800....."

 

Der Süden der USA (bis auf den Golf von Mexiko) ist geprägt von unendlich weitläufigen Wüstenlandschaften mit einem angenehmen Klima in den Wintermonaten. Blauer Himmel, geringe Luftfeuchtigkeit und angenehme 20 Grad tagsüber sorgen für einen reichlichen Zufluß an Wetterflüchtlingen aus den nördlichen US-Staaten und Kanada. Karawanengleich ziehen sie mit ihren rollenden Häusern gen Süden, um in der „middle of nowhere“ auf unendlich großen Plätzen in Reih und Glied, dicht auf dicht darauf zu warten, dass es im Norden wieder wärmer wird. Die Plätze sind an Stellen, wo es nur Schotterebenen gibt, sehr oft direkt am Highway, die Schönheit der Lage ist sekundär. Dies ist natürlich verständlich, denn draussen sitzen macht keinen Sinn, denn dann würde man den Lärm von unzähligen Stromerzeugern der Nachbarn hören. Selbstverständlich gibt es in der weiteren Umgebung Shopping-Malls, deswegen darf der Pickup (in der Regel größer als unser Toyo) im Schlepptau nicht fehlen. Auch für uns ist das Thema Generatorbetrieb zum primären Stellplatzkriterium geworden. Wir meiden solche Mobile wie die Pest, denn wir wollen auf unsere Nachtruhe nicht verzichten. Der beste Schutz ist dann immer noch ein Stellplatz, der nur mit 4x4 zu erreichen ist.

 

So wie man bei uns im Winter zum Skifahren geht, fahren hier viele zum Sanddünenfahren. Mit frisierten All-Terrain Vehicles (ATV) wird die Dünen rauf- und runtergedonnert. Damit die Fahrzeuge in den Senken auch nicht übersehen werden, fahren viele einen Fahnenmast mit einer übergroßen US-Flagge spazieren. Der Lärm ist in diesen Gebieten infernalisch, wie hier viele an den Dünen für längere Zeit campieren können, können wir nicht verstehen. Wir jedenfalls reagieren auf diesen Krach mittlerweile aggressiv und meiden solche Bereiche weitläufig.

 

Wir haben andererseits auch Winterflüchtlinge (hier snow-birds genannt) getroffen, die die Zeit hier im Süden sinnvoll nutzen. So trafen wir in Tucson auf dem Catalina State Park ein kanadisches Ehepaar, die zum Ruhestand hin ihre gut gehende Holzfirma verkauft haben und jeden Winter für 5 Monate in diesem Park 20h pro Woche arbeiten, die Sanitärräume sauber halten und den Campingplatzbetrieb kontrollieren. Als Ausgleich dürfen sie kostenlos den Platz benutzen. Sie sind sicherlich nicht auf diese Ersparnis angewiesen, aber sie erfreuen sich an einer Aufgabe, und natürlich dem Klima, der schönen Bergwelt mit Kakteen und so mancher Plauderrunde mit Reisenden wie uns.

Abseits des Mainstream-Reiseverkehrs finden wir immer wieder schöne Stellplätze in den Bergen mit herrlichen Kakteenwäldern, ähnlich wie auf Baja. 

 

In der Nähe von Tucson haben wir die Gelegenheit einer abendlichen Einführung in die Welt der Sterne. 1958 gaben die Indianer den Männern mit den langen Augen ihr Einverständnis, auf dem, im Reservat gelegenen, 2.000m hohem Kitt Peak die Sterne zu beobachten. Heute stehen hier 24 Teleskope mit einem Spiegeldurchmesser von bis zu 4m. Wir haben Gelegenheit, durch ein 0,5m Teleskop zu schauen und sehen u.a. das der Andromedanebel aus einer unendlichen Anzahl von Sternen besteht. Es ist in dieser Höhe frostig kalt und nach 2h sind wir total durchgefroren, denn die offene Kuppel schützt nicht vor der Kälte. Somit wurden früher die Beobachtungen quasi im Freien durchgeführt, heute werden die meisten Teleskope remote bedient und die Astronomen sitzen fernab im Warmen vor ihren Rechnern. Im Freien dürfen wir uns nur mit Rotlicht bewegen und später fahren wir die ersten Kilometer mit zugeklebten Scheinwerfern, damit kein Streulicht die Astronomen bei ihrer Arbeit behindert.

 

Wir bleiben vier Nächte in Tucson und lassen uns ein wenig treiben. Bei Barnes&Noble, einer Buchkette ähnlich dem Hugendubel, verbringen wir einen halben Tag und gehen mit einem Stapel interessanter Bücher zum Auto zurück. Einmal mehr erledigen wir unsere Internetarbeiten in einer öffentlichen Bücherei und sind immer wieder erstaunt, wie umfangreich diese ausgestattet sind. An einer Vielzahl von PC-Arbeitsplätzen mit Druckern kann gearbeitet werden und das Literaturangebot ist riesig. Bei diesem Bildungsthema scheint der Staat zum Glück nicht zu sparen.

 

Südlich von Tucson besuchen wir etwas Aussergewöhnliches, das Titan-Missile-Museum. Diese Atomraketenanlage ist ein Relikt aus dem kalten Krieg zwischen USA und der ehemaligen UDSSR. Aus einem unterirdischen Bunker mit Kommandozentrum und sämtlicher Infrastruktur konnte eine Titan II Rakete mit einem atomaren Sprengkopf gestartet werden. Allein im Großraum von Tucson gibt es über 20 solcher Komplexe. Die Anlagen wurden 1962-63 erstellt und waren 20 Jahre lang in permanenter Bereitschaft. Hätte der President den roten Knopf gedrückt, so wäre eine solche Rakete innerhalb von 1min gestartet und hätte nach35min und 10.000km Entfernung ihr Ziel mit der tödlichen Fracht von 600 Hiroshima-Atombomben erreicht. Ein Gebiet von 2.300qkm wäre sofort total zerstört worden. Die stärkste Atomrakete der USA mit einer Länge von 31m war 20 Jahre lang mit zwei hochexplosiven Treibstoffen permanent startklar. Von aussen ist nur der 270to schwere Verschlußdeckel des Raketensilos zu sehen.

In einer einstündigen Führung sehen wir die alte atombombensichere Kommandozentrale, die im 24/7 Betrieb von vier Offizieren besetzt war. Hier wären die Triebwerke gezündet und der Start und der Flugverlauf kontrolliert worden. Einmal gezündet, hätte die Rakete nicht mehr gestoppt werden können, Die Leistung der Triebwerke war vergleichbar mit acht Triebwerken einer Boing 747, 640l Treibstoff wären pro sec. verbrannt. In Summe waren für eine Anlage 400 Techniker rund um die Uhr damit beschäftigt, permanent die gesamte Infrastruktur zu überprüfen und ggf. zu warten.

 

Auf der einen Seite ist es aus technischer Sicht faszinierend, eine solche Anlage zu sehen, auf der anderen Seite sieht man den roten Codeschrank mit der Startfreigabe, mit dem die Welt in einen unkontrollierbaren atomaren 3.Weltkrieg untergegangen wäre. Einmal gab es hier einen schwerwiegenden Unfall. Ein Arbeiter ließ ein 4kg schweres Werkzeug in den Schacht fallen, ein Treibstoffschlauch wurde abgerissen und der hochexplosive Treibstoff entzündete sich. Der Verschlußdeckel des Silo´s wurde abgerissen und lag wie der beschädigte Atomsprengkopf einige 100m vom Silo entfernt. Zum Glück wurde keine atomare Kettenreaktion ausgelöst.

 

Auf dem Weg nach Osten wird Sonny auf einem Rastplatz von einen Ehepaar angesprochen und ob sie beim Militär wäre. So ein Fahrzeug kennen sie nur aus dem Fernsehen und wir haben ja eine iranische und syrische Flagge auf dem Auto. Sonny hat die beiden aufgeklärt und dies war dann noch der Auftakt zu einer netten Konversation am Highway.

 

San Antonio gilt als die Wiege von Texas, 1835 begann hier in einer ehemaligen spanischen Missionsstation ein militärischer Konflikt, der zur Abspaltung von Mexiko führte. Diese Mission, genannt The Alamo, ist heute ein Weltkulturerbe und der Abspaltungskonflikt sowie die Ausrufung von Texas wird hier ausführlich dargestellt / zelebriert.

Just heute findet in San Antonio die Eröffnung der jährlichen Rodeosaison statt und wir können einer Parade von Reitern, Cowboys, Planwagen und Soldaten in alten Uniformen beiwohnen. Applaus und frenetischer Beifall begleitet die Parade; als jedoch eine Gruppe von Mexikanern die Zuschauer passiert, bleibt es still, der Konflikt mit Mexiko wird sogar hier bei einer Parade ausgetragen.

 

In Texas ist das freie Übernachten fast unmöglich, der gesamte Bundesstaat ist in Privatbesitz. Der Grund ist die mexikanische Vergangenheit des Staates. Vor 1835 hat der mexikanische Staat das Land zu einem 1/10 des Preises wie in den USA üblich, verkauft. Wir übernachten somit bei Walmart und auf öffentlichen Rastplätzen am Highway, wo das Nächtigen erlaubt ist. Die Rastplätze sind videoüberwacht; die Serviceräume haben Hotelqualität und die Lobby ist quasi ein regionales Museum mit Videos, Exponaten und Schautafeln. So kann selbst der Toilettengang noch zu einer Bildungstour werden. 

 

Vor Houston finden wir einen freien Stellplatz direkt am Strand und ich kann in Ruhe mal wieder Brot backen, bevor wir uns am nächsten Tag das NASA Space Center anschauen. Der Raumfahrtinteressierte kommt hier voll auf seine Kosten. Mit Unterstützung von Walt Disney wurde hier auf dem Gelände der NASA ein umfassendes Zentrum zur Raumfahrt aufgebaut. Zu sehen sind u.a.:

  • Im Aussengelände die 747 mit einem Space Shuttle huckepack zur Besichtigung.
  • Führung durch eine Back-up Leitzentrale, in der neue Controller mit Echtdaten und simulierten Störfällen ausgebildet werden.
  • Eine fertig ausgerüstete Saturn-V Rakete, die für die Apollo-18 Mission gedacht war bevor aus Kostengründen die geplanten Missionen 18-20 abgebrochen wurden.
  • Eine originale Apollo-Kapsel nach der Rückkehr zur Erde
  • Einführung in die geplante Mars -Mission

sowie eine Vielzahl von Exponaten und tolle Filme aus der bald 60-jährigen Geschichte der bemannten Raumfahrt. 

 

Eindrucksvoll erfährt der Zuschauer die Komplexität und die unglaublichen Heraus-forderungen, die die NASA auf dem Weg zum Mond gemeistert hat. Jedes Smartphone hat heute eine größere Rechenleistung als die damaligen Rechner in den Raketen oder der Mondfähre.

 

Auf dem Weg nach New Orleans erfahren wir die Weiten des Mississippi-Deltas. Über hunderte von Kilometern fahren wir über Brücken und Dämme durch Sumpflandschaften. Diese und das Mündungsdelta haben eine Ost-West-Ausdehnung von ca. 300km und in Nord-Süd-Richtung messen wir ungefähr 150km. In der Mitte liegt New Orleans, Anfang Februar haben wir bereits 25 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit.

Ein besseres Brutklima für Schaken, Moskitos und ähnlichen Plagegeister kann es nicht geben. Auch mich entdecken diese Viecher und können sich an mir laben, trotz meines DEET-Schutzschirms und unseren Moskitonetzen. Dafür entschädigt uns das historische French Quarter mit tollen alten Bauten und einer einzigartigen Atmosphäre. Viele Musiker spielen im Freien und lassen die Geburtsstätte des Jazz aufleben.