14. Unter Seeräubern 

 

03-2019 Tatort: Schiff Glorious Leader, irgendwo im Nordatlantik

 

2 eher schmächtige Arbeiter sind auf der Suche nach Verwertbarem. Sie durchsuchen die Frachträume, wo unzählige Fahrzeuge nach Europa transportiert werden. Neufahrzeuge fallen dabei nicht in ihr Beuteschema, da gibt es nichts zu holen, auch bei LKW´s und Baggern ist es ähnlich. Da treffen sie auf einen weissen Toyota Camper, da müsste doch was zu holen sein. Da die Frachträume nur selten inspiziert werden, haben die beiden ausreichend Zeit.

Die linke Flügeltür ist schnell geöffnet, im Zündschloss steckt ja der Autoschlüssel. Die zur Blockade drappierten Campingstühle und die Sandschaufel kosten sie nur ein müdes Lächeln. Sie sind klein und drahtig und winden sich in das Fahrzeug. Die rechte Flügeltür ist mit einer massiven Kette verschlossen, hier würde eine Beschädigung schnell auffallen.

Es ist schon nicht leicht, die schweren Sandbleche und die hölzerne Transportkiste durch die schmale Tür nach draussen zu wuchten, um den freien Zugang auf die Staukisten zu haben. Im Hafen wäre dies aufgefallen, hier im Schiff haben sie ausreichend Zeit und keiner schaut zu. Licht im Auto gibt es auch, um alles entsprechend auszuleuchten. Der Inhalt der Kisten ist ein wahres Eldorado. Werkzeugkisten vom Feinsten, Schuhe, Taschenlampen, jede Menge Reisemitbringsel, Ausrüstung und Klamotten; diese bereits fertig verpackt in 3 Rucksäcken, wie praktisch. Gegenüber steht eine Alukiste; das kleine popelige Schloss ist keine Herausforderung, dafür gibt es ein schönes Stativ mit Schwenkkopf. Irgendein Abnehmer wird sich dafür schon finden lassen. 2 Flaschen Tequila, wer hätte das gedacht, da kann ja bei der nächsten Freiwache gehörig auf den Bruch angestoßen werden. So manches Ladegerät oder Zubehör können Sie zwar nicht einordnen, aber man kann ja nie nicht wissen, wo man sowas noch mal gebrauchen kann. Leider ist in der Hülle zum Warndreieck nur ein Warndreieck drin und es ist schon fummelig, es wieder einzupacken.

Es ist schon mit Arbeit verbunden, wieder alles so einzuräumen, damit der Bruch nicht gleich auffällt. Aber als erfahrene Stauer auf dem Schiff können sie gut im Spanngurten umgehen und bald ist einigermassen wieder eingeräumt und sieht aus wie vorher. Als kleine Erinnerung nehmen sie noch den Schlüsselanhänger vom Autoschlüssel mit, die kleine LED-Lampe daran ist zwar defekt, aber vielleicht es noch zu irgendwie zu verwenden.

 

>> so zumindest könnte es passiert sein <<

 

Bremerhaven, 13.03.2019

 

Wir haben die Abholpapiere erhalten und fahren an die uns inzwischen vertrauten Orte im Hafen. Vor gut 6 Monaten haben wir hier unseren Toyota zur Verschiffung nach USA abgeliefert und sind jetzt froh, den Wagen wieder in Empfang zu nehmen. Ein schneller Blick um das Fahrzeug zeigt, dass nichts beschädigt ist, und ein flüchtiger Blick in den Innenraum offenbart auch nichts ungewöhnliches. Es ist nur merkwürdig, dass wir Starthilfe benötigen, die Batterien sind offensichtlich leer. Der Zoll interessiert sich nicht für das Auto und seine Reise, wir verlassen ohne Kontrolle den Freihafen.

Eine erste Kontrolle und Umräumen im Innenraum lässt mich dann doch stutzig werden, dass einige Spanngurte nicht richtig fest sind, vielleicht haben dies sich ja auf der stürmischen Überfahrt gelockert, war mein erster Gedanke.

Als ich dann aber das Fahrzeug für die Reise gen Süden umräume, wird mir sukzessive bewusst, dass vieles abhanden gekommen ist und den Besitzer gewechselt hat. Wut und Ärger steigen und damit die Erkenntnis, dass die Sicherungsmaßnahmen in USA bei weitem nicht ausreichend gewesen sind. Der Schaden ist wesentlich umfangreicher als auf der Hinreise und erst in den kommenden Tagen, als das Fahrzeug komplett ausgeräumt wurde, wird ersichtlich, dass jede, noch so kleine Stauecke inspiziert wurde.

Schadensersatzansprüche gegenüber der Reederei Wallenius verlaufen im Sande, da sämtliche Ausrüstungsgegenstände in der Ladeliste (bill of lading) aufgeführt werden müssten. Selbstverständlich steigt der Transportpreis mit der Länge der Liste. Grundsätzlich seien Fahrzeuge leer zu verschiffen, bei Campern mache man aber eine Ausnahme, die allerdings nicht von der Transportversicherung abgedeckt ist. Campingmobile Ro/Ro zu verschiffen, ist somit offensichtlich ein Roulettespiel oder man macht aus seinem Fahrzeug ein rollendes „Fort Knox“.

Wir für uns haben den Verlust und Ärger inzwischen verdaut, ansonsten bekäme die so schöne Reise einen erheblichen Nachgeschmack. Das ein solcher Transport auch ganz anders hätte ausgehen können, zeigt eine Nachricht, die uns erst später erreichte:

Zur gleichen Zeit war ein Frachtschiff der Grimaldi Linie auf dem Weg durch die Biskaya, als in starkem Sturm ein Feuer auf dem Schiff Grande America ausbrach. 2 Tage später sank das Schiff mit seiner kompletten Fracht, bestehend aus Containern und 2.000 Fahrzeugen, u.a. mit 11 Wohnmobilen. Die 27 Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden.

 

Da sind wir noch vergleichsweise glimpflich davongekommen.